Theoretischer Hintergrund Problem- & Zielstellung


Im deutschen Sprachraum existiert bis dato kein Therapieansatz für den Bereich der gestörten Kindersprache, der nach evidenz-basierten Maßstäben als wirksam erachtet werden kann. Darüber hinaus sind alle Therapiestudien, die bisher durchgeführt wurden, auf Kinder mit spezifischen Sprachentwicklungsstörunge bzw. auf Kinder mit einem typischen Late-Talker-Profil beschränkt. Generell gilt die Grundannahme, dass ein Therapieansatz, der für spezischen Sprachentwicklungsstörungen funktioniert, auch auf andere, d.h. eingebettete Störungen der Kindersprache anwendbar ist.
Um diesen Problemen zu begegnen, wurde das Projekt konzipiert. Folgende Ziele sollen erreicht werden:
- Nachweis über die Wirksamkeit von inputorientierter früher Sprachtherapie bei Kindern mit komplexen Störungsbildern, selektiven Sprachentwicklungsstörungen, Risikokindern für Sprachentwicklungsstörungen und anderen Sprachstörungen im Kinderbereich
- Untersuchung von spezifischen therapiebegleitenden Faktoren wie Therapiedichte, Elternpartizipation, Alter der Kinder bei Therapiebeginn, Schweregrad der Störung, Ursachenerkrankung auf den Therapieerfolg (gemessen in der Anzahl der Sitzungen, die benötigt werden, um das inhaltliche Projektziel zu erreichen)

Den theoretischen Rahmen für die Therapiekonzeption bildet die Patholinguistische Therapie bei Sprachentwicklungsstörungen (Siegmüller & Kauschke 2006). Die Patholinguistische Therapie (PLAN) ist seit 2000 in der Probephase und bereits in mehreren kleineren Studien evaluiert worden (z.B. Siegmüller & Fröhling 2003, Kauschke & Konopatsch 2001, Watermeyer & Kauschke 2009). Der PLAN ist ein umfassendes Therapiekonzept für alle Störungsbilder der kindlichen Sprachentwicklungsstörung, so dass eine Studie nicht alle Teile des Konzeptes erfassen kann. Im LST-LTS-Projekt konzentrieren wir uns auf
1. das frühe Sprachstörungsprofil: lexikalische Defizite in Produktion & Verständnis, sowie Ausbleiben des Einstiegs in die produktive Grammatikentwicklung. Ein Teil der teilnehmenden Kinder fällt in die Gruppe der Late Talker, die Risikokinder für eine Sprachentwicklungsstörung sind. Es werden jedoch auch Kinder aufgenommen, die älter als 3;0 sind und so bereits das Late-Talker-Alter (2;0-2;11) verlassen haben. Auch diese Kinder nehmen teil, wenn ihr Sprachprofil den beiden Punkten oben entspricht.
2. die Methode der Inputspezifizierung in ihren beiden Umsetzungsvarianten (Inputsequenz & interaktive Inputspezifizierung)

Hieraus ergeben sich folgende Prämissen:
- direkte Therapie am Kind mit beratender Begleitung der Eltern
- inputorientierte Therapie = rezeptive Therapie; den Kindern werden keine produktiven Anforderungen gestellt
- entwicklungschronologisches Vorgehen (Orientierung am Prinzip der Entwicklungsorientierung): die frühen Störungsprofile (lexikalisches Defizit) werden vor den nachfolgenden Bereichen (grammatische Entwicklung) therapiert, auch wenn sie leitsymptomatisch nicht mehr im Vordergrund stehen mögen